Endstation Fortschritt: Warum musste die vegane ICE-Currywurst gehen?

Phil Wornath

Das Wichtigste in Kürze

  • Die vegane ICE-Currywurst war nach einem Test im Januar 2023 schnell **Top-Seller** und wurde fest ins Sortiment übernommen, bis die Bahn sie im Juni 2026 wegen rückläufiger Absatzzahlen und knapper Staukapazität strich.

Es gab eine kurze, erstaunlich progressive Epoche auf Deutschlands Schienen, in der echte gastronomische Gleichberechtigung herrschte. Die Currywurst – deutsches Kulturgut, Trostspender bei Verspätung und der verlässlichste Geruch im Großraumwagen – existierte in perfekter Dualität. Schwein oder Erbsenprotein. Gleiche Soße, ähnlicher Preis, gleiche Pommes oder Brötchen.

Nun ist sie weg. Nicht als Randnotiz einer sterbenden Nische, sondern als das, was sie zuletzt tatsächlich war: ein Bestseller.

Die Ironie in zwei Zitaten, drei Jahre auseinander

Als die Bahn die vegane Currywurst im Januar 2023 im Rahmen der „Veganuary"-Aktion testete, verkaufte sie sich so gut, dass der Konzern sie im Folgemonat fest ins Sortiment übernahm – mit sichtbarem Stolz per Tweet verkündet:

„Ab März kommen alle drei veganen Aktionsgerichte des #Veganuary ins Standardsortiment der Bordgastro – darunter die #Currywurst, die schon jetzt der Top-Seller ist." — Deutsche Bahn AG (@DB_Presse), 31. Januar 2023 1

Manch ein Fahrgast fühlte sich davon damals persönlich angegriffen. Unter dem Tweet beschwerte sich jemand, das sei „diskriminierend, was ist mit den Fahrgästen, die eine echte Currywurst wünschen?" – wohlgemerkt, obwohl es beide Varianten nebeneinander gab. 2

Im Juni 2026, mit der Einführung einer neuen Bordkarte, wurde die vegane Currywurst dann tatsächlich gestrichen. Diesmal mit umgekehrtem Vorzeichen der Empörung. Eine Unternehmenssprecherin nannte gegenüber vegconomist als Grund „rückläufige Absatzzahlen sowie die beschränkten Staukapazitäten an Bord". Man habe sich „für ein stärker nachgefragtes Produkt entschieden". 3 Eine öffentlich einsehbare Zahl, die diesen Rückgang belegt, hat die Bahn bisher nicht vorgelegt – nur die Behauptung. Zum Vergleich: Prozentuale Zielvorgaben für den Anteil pflanzlicher Gerichte am Gesamtsortiment gibt es laut Unternehmen ohnehin nicht; die Sortimentssteuerung erfolge rein nachfragebasiert. 3

Bemerkenswert dabei: Dieselbe Speisekarte, auf der angeblich kein Stauraum mehr für eine Wurst aus Erbsenprotein war, fand im selben Monat Platz für ein komplett veganisiertes Wein- und Sektsortiment. 3 Wer glaubt, hier gehe es tatsächlich primär um Kühlfläche und nicht um Priorisierung, hat vermutlich noch nie versucht, im ICE-Bordbistro zur Stoßzeit an eine Cola heranzukommen.

Es gibt inzwischen sogar eine Petition, die die Rücknahme der Rücknahme fordert – mit fast wortgleicher Begründung wie dieser Text: Vielfalt, Nachhaltigkeit, Inklusion. 4

Was tatsächlich noch auf der Karte steht

Um der Behauptung „es gibt kaum noch etwas ohne Fleisch" nachzugehen, habe ich die komplette aktuelle Bordkarte (Stand ab 29.07.2026, 58 Speisen-Positionen) sowie das offizielle Zutaten- und Allergenheft der DB Fernverkehr AG ausgewertet und jede Position nach Kennzeichnung (vegan / vegetarisch / mit Fleisch oder Fisch) sortiert. 5 6

Ergebnis, kategorisiert:

KategorieVeganVegetarischFleisch/FischGesamt
Aktionsgerichte12912
Snacks1*5410
Hauptgerichte2125
Kindermenü1203
Suppe0**101
Süß & Salzig56011
Frühstück1**809
  • zählt nur vollwertige, warme Snack-Gerichte, keine Beilagen wie Ketchup, Senf oder Bauernbrötchen solo ** Suppe und Frühstück enthalten jeweils zusätzliche vegane Brötchen-Beilagen, die hier nicht als eigenständige „Mahlzeit" gezählt wurden

Der entscheidende Befund liegt nicht in der Gesamtsumme, sondern in der Verteilung: Bei den Hauptgerichten – also den Gerichten, die man sich am Tisch mit Besteck bestellt – ist die Bahn tatsächlich vergleichsweise ausgewogen aufgestellt: Chili sin Carne und Rotes Thai Curry (beide vegan) stehen neben Basilikum-Pesto (vegetarisch), Chili con Carne und Hähnchen Tikka Masala (beide mit Fleisch). Zwei von fünf Hauptgerichten sind vegan – das ist, gemessen an sonstiger Bahnhofsgastronomie, kein schlechter Wert.

Die eigentliche Lücke klafft bei den Snacks – also genau der Kategorie, in der die Currywurst zuhause war: dem schnellen, warmen Essen zwischen zwei Zugteilen, wenn man nichts vorbereitet hat und der nächste Halt in 20 Minuten kommt. Hier stehen vier warme Fleisch-Snacks (Currywurst mit Tortilla-Crunch, Currywurst mit Kartoffelecken, Schinken-Käse-Baguette, Chicken-Caesar-Sandwich) einem einzigen warmen veganen Snack gegenüber: den Kartoffelecken. Alles andere, was in der veganen Spalte auftaucht, sind Beilagen und Dips – Ketchup, Senf, süßer Senf, Knoblauch-Dip, ein pures Brötchen. Das sind keine Mahlzeiten, das ist Zubehör zu Mahlzeiten, die man nicht essen darf.

Was kostet das eigentlich – und wo genau fehlt was

Der Durchschnittspreis ist hier der falsche Hebel. Er verwischt genau das Problem, das er zeigen soll, weil er teure vegane Hauptgerichte mit günstigen veganen Nicht-Mahlzeiten verrechnet. Aufschlussreicher ist der Blick auf das Preissegment, in dem die Currywurst tatsächlich lag: die schnelle, warme Zwischenmahlzeit unter 8 Euro.

Warme, herzhafte Optionen unter 8 € – nach Kennzeichnung:

Fleisch/FischPreisVegetarischPreisVeganPreis
Fleischkäse Bio mit Brötchen5,90 €Vollkorn-Haferbrot mit Bergkäse6,50 €Kartoffelecken mit Dip5,90 €
Bratwurstbrötchen „Bosna Style"6,90 €Warmes Croissant Brötchen mit Käse6,90 €——
Currywurst mit Tortilla-Crunch7,90 €————
Warmes Schinken-Käse-Baguette7,90 €————
Sandwich Chicken Caesar Style7,90 €————
5 Optionen2 Optionen1 Option

Das ist der eigentliche Befund, nicht ein Mittelwert: Fleischessende haben fünf verschiedene warme Snacks zur Auswahl, Vegetarier zwei (beide käsebasiert), Veganer genau eine – und die ist keine Mahlzeit im funktionalen Sinn, sondern eine Beilage. Kartoffelecken ersetzen kein belegtes Brötchen: kaum Protein, kein „Wurst"-Äquivalent, nichts, das zwischen zwei Bahnhöfen wirklich satt macht.

Methodik: Was zählt als vergleichbar?

Bevor die Zahlen kommen, eine Vorbemerkung, die für die Belastbarkeit des Vergleichs entscheidend ist. Die Bahn führt seit Jahren eine Kategorie „Aktion" für zeitlich befristete Angebote. Ein Blick in die drei Archivstände zeigt: Diese Kategorie hat zwischen den Snapshots keine einzige gemeinsame Position – im Dezember 2023 unter anderem eine Luxemburger Bohnensuppe und Meatballs, im März 2025 Cheeseburger-Kombis, ab Juli 2026 explizit Oktoberfest-Ware wie Paulaner Oktoberfestbier und Voelkel Oktoberfest-Shot. „Aktion" ist damit per Konstruktion nicht über die Zeit vergleichbar und fließt in keinen der folgenden Trendvergleiche ein.

Vergleichbar sind dagegen die stehenden Kategorien – Snacks, Hauptgerichte, Kindermenü, Suppe(n & Salate), Frühstück, Süß & Salzig –, weil dieselben Gerichtenamen (Currywurst, Chili con/sin Carne, Bauernbrötchen, Basilikum-Pesto) über alle Zeitpunkte hinweg auftauchen, teils umformuliert, aber erkennbar dieselbe Position im Sortiment. Die Kategorienamen selbst wechseln geringfügig (2022 etwa „Für unsere Kleinen" statt „Kindermenü", „Süß & salzig" statt „Süß & Salzig"), was aber nichts an der inhaltlichen Zuordnung ändert. Alle Tabellen in diesem Abschnitt beziehen sich ausschließlich auf diese Kernkarte, nicht auf Aktionsartikel.

Der Vorher-Nachher-Vergleich: sechs Zeitpunkte, ein enges Zeitfenster für die Streichung

Ein archivierter Snapshot vom 23. Mai 2022 7 und ein weiterer vom 1. Dezember 2022 8 reichen bis vor die Einführung der veganen Currywurst zurück. Die Currywurst war zu beiden Zeitpunkten noch ein reines Fleischgericht (5,90 €), ohne vegane Variante. Zusammen mit dem oben zitierten Bericht, wonach die vegane Version im Februar 2023 fest ins Sortiment kam 1, lässt sich ihre Lebensspanne jetzt auf beiden Seiten eng eingrenzen: noch nicht vorhanden im Dezember 2022, fest im Sortiment ab Februar 2023 – ein Einführungsfenster von nur rund zwei Monaten – und gestrichen Mitte 2026, macht rund 40 Monate im Sortiment. Ein warmer veganer Snack existierte allerdings schon vor der Currywurst: Sowohl im Mai als auch im Dezember 2022 stand bereits ein „Veganer Wrap Sweet Chili" auf Basis von „planted chicken" (5,90 €) auf der Karte – der Vorläufer dessen, was später zu Wrap Asia Curry (2023) und Falafel Wrap Oriental (2025) wurde. Auch die Struktur von Suppen & Salate – drei Gerichte, alle vegan – ist in beiden 2022er-Snapshots identisch und bestätigt sich damit unabhängig zweimal.

Eine kleine Einschränkung zur Genauigkeit der Kernkarte: Zwischen den beiden 2022er-Snapshots verschwand der Linseneintopf mit Mettenden aus der Hauptgerichte-Liste, obwohl diese Kategorie sonst als stabil gilt. Auch „Kernkarte"-Kategorien rotieren also in kleinerem Umfang als die Aktion-Kategorie, nur langsamer. Die grobe Richtung der hier gezeigten Trends bleibt davon unberührt, aber Einzelwerte wie der Hauptgerichte-Prozentsatz sollten als Richtwerte für den jeweiligen Zeitpunkt gelesen werden, nicht als exakte Messung eines fixen Systems.

Ein weiterer Snapshot vom 7. September 2025 9 liegt nur rund neun bis zehn Monate vor der berichteten Streichung im Juni 2026 und verengt das Zeitfenster erheblich.

Zu diesem späten Zeitpunkt war noch alles beim Alten. Die vegane Currywurst existierte weiterhin zu exakt denselben Preisen wie die Fleischversion (7,90 € bzw. 10,90 € in beiden Konfigurationen), und auch der Falafel Wrap Oriental (6,90 €) war unverändert im Sortiment. Das bedeutet: Die Streichung war kein schleichender Prozess über Jahre, sondern ein einzelner, abrupter Schnitt in einem Fenster von etwa neun Monaten – zwischen September 2025 und der von vegconomist berichteten Umstellung im Juni 2026.

Suppen & Salate zeigt dagegen einen zweistufigen Verfall. Im September 2025 war der Italienische Nudelsalat bereits aus der Karte verschwunden – übrig blieben nur noch Tomatensuppe und Schwarzer Reissalat, beide weiterhin vegan. Die Kategorie schrumpfte damit schon vor dem großen Schnitt von drei auf zwei Gerichte, bevor sie bis Juli 2026 auf ein einziges, nicht-veganes Gericht reduziert wurde. Hier war die Erosion graduell, nicht abrupt.

Bei den Hauptgerichten zeigt sich sogar ein Höhepunkt kurz vor dem Absturz. Im September 2025 bestand die feste Hauptgerichte-Kategorie (ohne Aktionsartikel) aus Chili con Carne (Fleisch), Chili sin Carne, Gemüsebolognese und Gelbes Linsencurry – drei von vier Gerichten vegan, 75 %, der höchste Wert aller Zeitpunkte. Hähnchen Tikka Masala und Rotes Thai Curry liefen zu diesem Zeitpunkt noch als Testgerichte unter „Aktion". Bis Juli 2026 wurden beide in die feste Hauptgerichte-Kategorie übernommen – eines mit Fleisch, eines vegan –, während Gemüsebolognese und Gelbes Linsencurry aus dem Sortiment fielen. Ergebnis: 2 von 5 Gerichten vegan (40 %). Der ehrliche Verlauf ist damit 43 % (2022) → 57 % (2023) → 75 % (Sept. 2025) → 40 % (2026) – ein Anstieg gefolgt von einem Absturz, keine gerade Linie.

Zusammengefasst über alle fünf Zeitpunkte, gezählt nach eigenständigen warmen Hauptgerichten der Kernkarte (keine Aktionsartikel, keine Beilagen, keine Dips):

Mai 2022Dez. 2022Dez. 2023März 2025Sept. 2025ab Juli 2026
Warme vegane Snack-Hauptgerichte1 (Wrap Sweet Chili)1 (Wrap Sweet Chili)2 (Currywurst, Wrap Asia Curry)2 (Currywurst, Falafel Wrap)2 (Currywurst, Falafel Wrap)0
Warme Fleisch-Snack-Hauptgerichte443553
Vegane Hauptgerichte (Hauptgerichte-Kategorie)3 von 7 (43 %)3 von 6 (50 %)4 von 7 (57 %)–3 von 4 (75 %)2 von 5 (40 %)
Vegane Suppen/Salate3 (alle)3 (alle)3 (alle)3 (alle)2 (alle)0

Bei den Snacks ist der Befund jetzt eindeutig zeitlich eingegrenzt: zwei warme vegane Optionen, konstant über mindestens ein Jahr (Dezember 2023 bis September 2025), dann ersatzlos auf null in einem einzigen Karten-Update. Das ist der stärkste Beleg im gesamten Datensatz, weil er eine sehr genaue Ursache-Wirkung-Aussage erlaubt: keine allmähliche Verdrängung, sondern eine Entscheidung.

Und pro Nährwert? (mit Vorbehalt)

Wichtiger Vorbehalt zu den Nährwerten: Das Zutaten- und Allergenheft der Bahn enthält keine Nährwertangaben – keine Kalorien, kein Protein, nichts, nur Zutatenlisten, Allergene und Zusatzstoffe. 6 Was folgt, ist eine Schätzung auf Basis typischer Nährwertprofile vergleichbarer Gerichte, keine von der Bahn veröffentlichte oder unabhängig verifizierte Zahl. Für eine belastbare Version bräuchte es eine Anfrage an die Bahn nach den tatsächlichen Daten oder eine eigene Laboranalyse.

GerichtPreisca. kcalca. Proteinca. Preis/g Protein
Hähnchen Tikka Masala mit Reis14,90 €~650~35 g~0,43 €
Chili con Carne mit Brötchen12,50 €~600~30 g~0,42 €
Currywurst mit Tortilla-Crunch7,90 €~550~20 g~0,40 €
Chili sin Carne mit Brötchen12,50 €~500~18 g~0,69 €
Basilikum-Pesto mit Fusilli12,50 €~650~15 g~0,83 €
Rotes Thai Curry mit Reis13,90 €~550~12 g~1,16 €
Kartoffelecken5,90 €~350~5 g~1,18 €

Der Trend, so grob geschätzt er ist, dürfte richtungssicher sein: Tierisches Protein ist auf dieser Karte pro Gramm deutlich günstiger als pflanzliches. Chili sin Carne kommt der Fleisch-Effizienz noch am nächsten – vermutlich wegen der Hülsenfrüchte –, aber schon beim Pesto und erst recht beim Thai Curry (viel Kokosmilch und Gemüse, wenig konzentriertes Protein) zahlt man geschätzt das Zwei- bis Dreifache pro Gramm Protein wie beim Hähnchen. Wer sich vegan ernährt und tatsächlich satt und mit ausreichend Eiweiß aus dem Bordbistro aussteigen will, zahlt drauf oder muss gezielt das eine richtige Gericht auswählen – das inzwischen nur noch am Tisch bestellbar ist, nicht mehr im Schnellgriff zwischen zwei Bahnsteigen.

Die eigentliche Lücke: Ein proteinhaltiger Snack unter 10 Euro

Bei allem Datenmaterial oben lohnt es sich, die Kernaussage nicht zu verlieren: Das Problem ist nicht, dass die Bahn kategorisch keine veganen Gerichte mehr anbietet – Chili sin Carne und Rotes Thai Curry existieren, und sie sind keine schlechten Gerichte. Das Problem ist die eine Lücke, die am meisten zählt, weil sie genau die Situation trifft, in der die meisten Menschen überhaupt etwas vom Bordbistro kaufen: der schnelle, günstige, proteinhaltige Snack unter 10 Euro, den man sich zwischen zwei Bahnhöfen an die Theke holt, ohne am Tisch zu sitzen. Diese Lücke ließe sich schließen, ohne dass die Bahn ein einziges bestehendes Fleischprodukt anrühren müsste.

Ein naheliegendes Beispiel: geräucherter Tofu, wie er im Einzelhandel längst als Standardprodukt existiert. Eine Packung dmBio Tofu geräuchert (200 g) kostet im dm-Drogeriemarkt aktuell 1,55 € – macht 7,75 € pro Kilogramm, im Einzelhandel, mit Handelsspanne. Laut Herstellerangabe bleibt das Produkt „in der Originalverpackung auch ungekühlt haltbar und ist somit ideal für die Vorratshaltung" 10 – ein Vorteil, den weder das Fleischkäsebrötchen noch die frischen Käse- und Schinkenaufstriche an Bord haben, die alle durchgehend gekühlt werden müssen. Ein Großabnehmer wie die DB Fernverkehr AG kauft nicht im Drogeriemarktregal ein, sondern über Lebensmittelgroßhandel oder direkt beim Hersteller; dort liegen Einkaufspreise für vergleichbare verarbeitete Sojaprodukte üblicherweise deutlich unter dem Einzelhandelspreis. Eine exakte Zahl kann ich ohne Einblick in die Einkaufskonditionen der Bahn nicht nennen – aber selbst zum vollen Drogeriemarktpreis gerechnet, ergibt sich ein Richtwert, der zeigt, wie groß die Lücke zum tatsächlich Angebotenen ist: Laut Nährwertangabe enthält dieser Räuchertofu 13 g Protein pro 100 g. Bei 7,75 €/kg entspricht das rund 6 Cent pro Gramm Protein – zum Vergleich: Bei den aktuell auf der Karte verbliebenen veganen Hauptgerichten liegt dieser Wert, grob geschätzt, zwischen 69 Cent und 1,18 Euro pro Gramm Protein (siehe Tabelle oben). Selbst mit großzügigem Aufschlag für Verarbeitung, Portionierung und Logistik bliebe ein einfaches „Tofu-Brötchen" – ein Bio-Bauernbrötchen, geräucherter Tofu in Scheiben, dieselbe Senf- oder Remouladen-Auswahl, die es beim Fleischkäsebrötchen ohnehin schon gibt – ein Produkt, das sich preislich mühelos in der 5- bis 7-Euro-Kategorie ansiedeln ließe, in der aktuell nur das Fleischkäsebrötchen (5,90 €) und ähnliche Fleischsnacks stehen.

Das wäre kein Ersatz für die Currywurst und auch kein Versuch, sie zurückzuholen. Es wäre schlicht die einfachste denkbare Antwort auf die Frage, die diesen Text ausgelöst hat: eine warme oder kalte, günstige, proteinhaltige Option, die neben dem Fleischkäsebrötchen steht statt es zu ersetzen. Sie bräuchte keine zusätzliche Tiefkühlkapazität, die laut VOL.AT-Bericht ohnehin knapp ist 5 – noch nicht einmal die normale Kühlkette, die für Schinken, Käse und Frischkäseaufstrich an Bord bereits existiert –, und kein Rezeptur-Risiko, weil das Grundprodukt im Einzelhandel längst existiert und sich bewährt hat.

Das ist der Kern der Sache. Bahnfahren bedeutet für mich nachhaltige, CO2-neutrale Mobilität – das ist das Versprechen, mit dem die Bahn wirbt und für das ich sie wähle. Ehrlich gesagt frage ich mich dabei ohnehin, was Fleisch grundsätzlich noch auf dieser Speisekarte zu suchen hat, wenn Nachhaltigkeit der Anspruch ist. Genau deshalb fällt das Ungleichgewicht umso mehr auf: Wer sich pflanzlich ernährt, hat auf derselben Karte spürbar weniger Auswahl, weniger Tempo und weniger günstige Optionen als alle anderen – und das lässt sich, wie das Tofu-Beispiel zeigt, mit überschaubarem Aufwand beheben, ohne dass irgendjemandem etwas weggenommen werden müsste.

Ich habe schon überlegt, mir selbst einen Block Räuchertofu einzupacken und im Bordbistro einfach nur ein Brötchen zu bestellen. Aber eigenes Essen ins Bordrestaurant mitzubringen, gehört sich nicht. Die Bahn muss diesen Schritt von sich aus gehen – als Zeichen, dass Nachhaltigkeit bei ihr nicht beim Antrieb der Züge endet, sondern sich durchs gesamte Angebot an Bord zieht.

Die Nachhaltigkeitsbilanz bleibt zwiespältig

Immerhin: Die Bahn hat im selben Monat, in dem die Currywurst verschwand, ihr komplettes Wein- und Sektangebot vollständig vegan gemacht. 3 Das ist real, und es zeigt, dass hier keine grundsätzliche Kehrtwende weg vom Veganen stattfindet, sondern eine Verschiebung: mehr pflanzlich bei Getränken, weniger pflanzlich bei der einen Kategorie, die für Reisende ohne Zeit zum Sitzen am wichtigsten ist. Das ist kein Nachruf auf pflanzliche Ernährung bei der Bahn insgesamt – aber es ist ein Nachruf auf die eine Option, die günstig, warm und ohne Vorbestellung sofort verfügbar war.

Ruhe in Frieden, vegane Bordbistro-Wurst. Du warst mal der Beweis, dass man niemandem etwas wegnehmen muss, um jemand anderem etwas zu geben. Und laut eigenem Tweet der Bahn warst du sogar besser im Geschäft als das, was jetzt an deiner Stelle steht.


Quellen


Transparenzhinweis: Für die Strukturierung dieses Artikels sowie die Auswertung und Aufbereitung der historischen Speisekarten-Daten wurde Künstliche Intelligenz als Assistenztool genutzt.

Footnotes

  1. Deutsche Bahn AG (@DB_Presse), Twitter/X, 31. Januar 2023, zitiert nach t-online: „Deutsche Bahn: Vegane Gerichte kommen dauerhaft ins Bordbistro" ↩ ↩2
  2. Berliner Kurier, 2. Februar 2023: „Die Bahn nimmt die vegane Currywurst dauerhaft auf die Speisekarte – und bringt Fleisch-Fanatiker zur Weißglut" ↩
  3. vegconomist, 5. Juni 2026: „Deutsche Bahn nimmt vegane Currywurst aus dem Bordrestaurant-Sortiment, Wein- und Sektangebot ab Juni vollständig vegan" ↩ ↩2 ↩3 ↩4
  4. Change.org, ab Mai 2026: „Bringe die vegane Currywurst ins boardbistro zurück" ↩
  5. VOL.AT, 22. Juni 2026: „Pommes-Aus bei der Deutschen Bahn: Currywurst künftig nur noch mit Wedges" ↩ ↩2
  6. DB Fernverkehr AG Bordservice: „Zutaten und Allergene des aktuellen Speisenangebotes", Bordgastronomie ab 29.07.2026 (PDF, eigene Auswertung der 58 gelisteten Speisepositionen) ↩ ↩2
  7. Internet Archive Wayback Machine, archivierte Version von db-bordgastronomie.de, Snapshot vom 23. Mai 2022, 21:32 Uhr: https://web.archive.org/web/20220523213253/https://db-bordgastronomie.de/digitalespeisekarte – eigene Auswertung der 50 gelisteten Speisepositionen ↩
  8. Internet Archive Wayback Machine, archivierte Version von db-bordgastronomie.de, Snapshot vom 1. Dezember 2022, 15:17 Uhr: https://web.archive.org/web/20221201151731/https://www.db-bordgastronomie.de/ – eigene Auswertung der 50 gelisteten Speisepositionen ↩
  9. Internet Archive Wayback Machine, archivierte Version von db-bordgastronomie.de, Snapshot vom 7. September 2025, 18:39 Uhr: https://web.archive.org/web/20250907183959/https://db-bordgastronomie.de/ – eigene Auswertung der 64 gelisteten Speisepositionen ↩
  10. dm-drogerie markt: Produktseite „dmBio Tofu, geräuchert, 200 g", Preis 1,55 €, Nährwertangaben und Herstellerhinweis „ungekühlt haltbar": https://www.dm.de/p/d/1503058/dmbio-tofu-geraeuchert, abgerufen im September 2026 ↩